Was spricht für ein Tier in der Familie?

Warum ein Tier? - Motherbook

Unweigerlich stellt man sich in den Jahren zwischen Frühaufzucht der Kinder und Einbruch ihrer Pubertät die Frage, ob eine familiäre Erweiterung durch die Aufnahme eines Tieres dem natürlichen Bedürfnis nach Hegeaufgaben und überdies der Förderung der Herzensbildung zuträglich wäre.

Wir haben damals auch darüber nachgedacht und uns dagegen entschieden. D.h. mein Mann hatte die besseren Argumente und die geringeren Bedürfnisse und ich habe erst mal dazu geschwiegen. Tatsächlich aber habe ich mich sofort auf die Suche nach unserem Tier aufgemacht.

Hunde hatten wir früher immer zu Hause. Allerdings auch mehrere Generationen Goldhamster, Wellensittiche, einen Hasen und – sehr kläglich – ein paar Tage Goldfische in einer Schubkarre im Garten. Kläglich war die Tierhaltung eigentlich immer. Allein die Hunde konnten sich durch die Entwicklung mehr oder weniger schwerwiegender Neurosen durchsetzen.

Also, ein Hund kam nicht in Frage. Tiere, die mir mit ihren Augen vermitteln können, dass sie sich ohne mich alleine auf der Welt fühlen, sind bedauernswerter als meine Kinder, die sich damals in meine Seidenstrümpfe krallten und bitterlich weinten, wenn wir ausgehen wollten.

Katzen sind wiederum souverän und kränkend undankbar und überdies bedürftig an Stellen, die ich unmöglich in mein häusliches Umfeld einbauen kann. Säcke mit saugfähigem Streumaterial in verstohlenen Ecken oder ein dekorativer Kratzbaum mitten im Wohnzimmer gefallen mir nicht. Um es kurz zu machen: Hamster sterben schneller, als man sie ausgemistet hat, Hasen sind überhaupt keine Kuscheltiere und haben eine enorme Hasenböllerproduktion, Aquarien sind allenfalls in medizinischen Warteräumen zu ertragen, verbreiten dort aber eine gleichmäßig depressive Stimmung.

Es kam zur Stagnation. Aber dann stand der 9. Geburtstag meiner Tochter bevor. Ein herrlicher Anlass, auf den ich mich ausgesprochen freute. Eine aufregende Gelegenheit, unsere Familie zu vergrößern. Ich fühlte mich plötzlich zuversichtlich und sogar etwas verwegen, denn ich würde es realisieren, das kleine Tierchen mit pochendem Herzen, mit einem eigenen Blutkreislauf, mit Bedürfnissen nach Liebe und Hegeritualen. Vielleicht ausgestatten mit ein bisschen flauschigem Fell, vielleicht mit einer Reihe von Accessoires, die allesamt liebevoll ausgesucht und nach Hause getragen werden sollten. Ich war bereit, das alles jetzt zu realisieren.

Und dann kam der Moment, an dem ich mich in Paul verliebte. Paul! Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Ich hatte mir nie ein Bild von ihm gemacht. Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich einlasen würde, aber es war mir sehr ernst. Paul: Testudo Hermani: Eine griechische Landschildkröte.

Seit dem Geburtstag sind viele Jahre vergangen, aber tatsächlich gehörte Paul von Anfang an mir, worüber wir aber erst heute ganz offen sprechen. Er hat in meiner Herzensbildung einen wahren Felsrutsch ausgelöst. Und ich bin sicher, dass das sowohl meinen Kindern als auch unserem Familienleben fabelhaft zugutegekommen ist.

 

Artikel von

2 Töchter, verheiratet, Inhaberin einer Agentur für Kunstvermittlung und Kulturveranstaltungen.

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