Steckengeblieben zwischen Kind und Kariere? – Eine Diskussion

 

Kind und Kariere? – MOTHERBOOK

 

Wir haben vor einigen Tagen einmal wieder einen dieser Vereinbarkeitsartikel gelesen, diesmal von der FAZ, und ich (Ulrike), werde bei diesen Artikeln immer leicht unmutig. Oton: Das eine geht nicht mit dem anderen. Egal was man macht: Am Ende sind alle unglücklich. Als ich das in der Runde anbrachte ging es anderen ähnlich, aber erstaunlicherweise an ganz anderen Stellen und bei ganz anderen Argumenten als bei mir. Deswegen haben wir den FAZ Artikel hier in Teilen und aus unterschiedlichen Standpunkten einmal kommentiert.

 

FAZ:  “Frauen eint, dass sie es nicht mehr an die Spitze schaffen werden. Trotz ausgezeichneter Voraussetzungen werden sie niemals die Top-Positionen besetzen, auf denen Politik und Wirtschaft sie gerne sähen. Trotz Ambitionen ist ihre Karriere auf dem Weg zu Vorstandsposten und Partnerrunde versandet.”

Ulrike:   Frauen schaffen es aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht an die Spitze. Kinderkriegen ist nur einer davon. Und selbst das ist, meiner Meinung nach, nicht DER Grund. Es gibt auch Frauen, die Kinder kriegen und trotzdem die Karriereleiter weiter besteigen. Da werden die Abstriche eben bei der Familie gemacht. Kinderkriegen und Karriere halte ich durchaus für vereinbar, aber eben nicht Kinder haben, großziehen, sie aufwachsen sehen und Karriere machen. Das gelingt nur zeitversetzt. Diese Entscheidung steht einem jeden doch offen und kann doch (meist) ganz bewusst getroffen werden. 

Gabriele:   Wir könnten einfach einmal anfangen ganz bewusst die Milestones in unserem Leben als Frau mit Kind(ern) neu für uns selbst einzuordnen. Die meisten von uns stecken in einer überholten Werteskala fest, die Männer und Frauen als Wesen mit den selben Anlagen, Bedürfnissen und Fähigkeiten einstufen. Das ist ein Irrtum! Es wird allgemein unterschätzt wie groß der Einschnitt im Leben einer Frau durch die Geburt eines Kindes ist. Den Vater nehmen wir bestenfalls als Begleiter mit auf diese „Reise“. Es ist und bleibt jedoch ein sehr großer Unterschied z.B. bei einer Geburt dabei zu sein oder ein Kind selbst zu gebären. Nehmen wir uns doch dafür den zeitlichen Rahmen, den dieses „Wunder“ braucht… Wir werden sehr gestärkt daraus hervorgehen, wenn wir uns voll und ganz darauf einlassen. Keine „Kariere-Erfahrung“ ist im entferntesten so beeindruckend wie die Geburt eines Kindes. – Für die Kariere ist dann aber später auch noch Zeit… 

 

FAZ:  “Noch nie waren Frauen in Deutschland so gut ausgebildet wie die Generation, die sich heute in der „Rushhour des Lebens“ befindet. Gleiche Karrierechancen hätten sie wie die Männer ihres Jahrgangs. Doch spätestens mit den Kindern kommen ihnen die Zweifel.”

Ulrike:   Diese Zweifel kommen ganz automatisch, weil sich Lebensinhalte, Werte und Prioritäten verschieben. Und das ist auch gut so. Es gibt lebensverändernde Abschnitte im Werdegang, bei denen automatisch reflektiert und abgeglichen wird, ob das was ich gut fand auch immer noch gut finde. Eine Familie gründen ist einer dieser Abschnitte. Und gerade hier lernen wir schnell etwas ganz wichtiges: Alles hat seine Zeit. Alles-immer-sofort-haben-können geht nicht  –  beziehungsweise nur auf Kosten anderer. Zeitgleich entstehen gemeinsam mit den Kindern häufig die tollsten Geschäftsideen und Projekte, weil Motivation und Kreativität nicht mehr durch eine Anstellung eingeschränkt ist und sich neue Perspektiven ergeben. Deswegen gibt es auch immer mehr Mompreneurs. Eine Karriere mit Kind fernab der Festanstellung ist eine durchaus interessante Alternative.

Gabriele:   Genau das ist es! Neue Denkansätze erschaffen neue Lösungen und diese brauchen wir. Eine sehr gute Ausbildung ist immer – auch wenn man letztlich anderes, als zunächst erwartet, damit macht – eine tragfähige Basis für hoch qualifizierte Tätigkeiten und nie „umsonst“.  Unser „Zeitgeist“ verlangt die Kinder der Kariere zu opfern – das wollen nicht alle. Mompreneurs z.B. haben die Möglichkeit wirklich selbstbestimmt einzuteilen wieviel Raum sie ihren Kindern und ihren beruflichen Aktivitäten geben wollen. Kinder gehören nicht  „outgesourct“ an den Rand der Gesellschaft! Sie sind kreatives Potenzial, bedeuten unsere Zukunft und wir können viel von ihnen lernen – lasst uns doch gemeinsam mit ihnen leben! Das erfordert neue Lebens- und Arbeitszeitmodelle – packen wir’s an!!

 

FAZ:  “Umgekehrtes Rollenbild scheitert meist an den Vätern. Während mehr als 70 Prozent der Mütter Teilzeit arbeiten, sind es nur 5 Prozent der Väter.”

Ulrike:   Natürlich ist das so! Männer verdienen einfach grundsätzlich noch mehr als Frauen, klettern schneller die Karriereleiter hoch und sind nicht selten sogar die Hauptverdiener. Das hat sicherlich weniger mit dem Unwillen der Männer, als mit der Wirtschaftlichkeit der Entscheidungen zu tun. 

Gabriele:   Nicht nur das! Es ist naheliegend, wenn ein verantwortungsbewusster Vater, der seine Familie sehr liebt, erst einmal beruflich mehr powert… er hat zunächst einfach mehr den Kopf dafür frei. Faktoren wie „Stilldemenz“ und die naturgemäß anfangs fast symbiotische Bindung von Mutter und Kind, kann man versuchen mit viel Kraft zu verdrängen oder zu ignorieren, sollte man das aber „müssen“?!? Es bleibt doch noch so viel Zeit – das Leben ist lang, die Lebenserwartung hoch, die Rentenkassen leer, die Geburtenrate zu niedrig – neue Lebensphasenmodelle sind da gefragt.

 

 

FAZ:  “Die zweite Möglichkeit wäre, die Kinderbetreuung außerhalb der Familie zu organisieren, denn eine regelmäßige Unterstützung durch Großeltern haben viele junge Eltern nicht. Davon abgesehen, dass Vollzeit-Hausangestellte selbst für die meisten Gutverdiener jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten liegen, können sich deutsche Eltern mit dieser Vorstellung auch sehr viel schlechter anfreunden als zum Beispiel französische oder britische Eltern. “

Ulrike:   Ich denke hier haben wir deutschen Eltern noch viel Nachholbedarf. Weder wir, noch die Kinder sind für eine Kleinfamilie gemacht. All das, was für uns und unsere Kinder durch den Wegfall des ursprünglichen Familienbundes verlorengegangen ist, kann man sich in Stücken durch Fremdbetreuung durchaus zurückholen (vorausgesetzt diese ist qualitativ gut und vertrauenswürdig). Auch Modelle, wie Nachbarschaftshilfe oder Hilfe durch Freunde etc. sollten weiter ausgebaut werden. Das ist vor allem ein Apell an die Helikoptermütter, die diesen Freiraum ruhig sich und den Kinder gönnen können.

Gabriele:   Da gibt es dann aber auch Grenzen,der Spruch: „Kinder brauchen zum Aufwachsen ein ganzes Dorf.“ ist aus Afrika. Es ist dort aber mit Sicherheit nicht so, dass man die Kinder den größten Teil der Zeit ins Nachbardorf schickt. Wir sollten darüber nachdenken, ob wir die Kinder aus der Mitte der Gesellschaft in Betreuungseinrichtungen „weg organisieren“ wollen oder ob es nicht eine Lösung gibt – wie in einem „Dorf“ – gemeinsam mit den Kindern zu leben. Das wäre vielleicht für alle eine inspirierende Bereicherung…

 

FAZ:  “Es hat auch viel mit der eigenen Prägung der jungen Mittelschichtsmütter zu tun  – zumindest, wenn sie in Westdeutschland aufgewachsen sind. Sie selbst sind erst mit drei Jahren in den Kindergarten gegangen und dann auch nur bis mittags. Wer als Kind die Präsenz der Mutter als positiv empfunden hat, tut sich schwer damit, sie dem eigenen Kind vorzuenthalten.”

Ulrike: Für mich, als Kind des Ostens, ist dies überhaupt kein Thema oder besser gesagt ein umgekehrtes. Meine Mutter ging arbeiten, mein Vater nahm Elternzeit (als erster Ostpapa überhaupt). Ich habe stets zu meiner Mutter aufgeblickt, weil sie in einem Schloss arbeitete, alte Dinge restaurierte und schlaue Sachen sagte. Als sie wegen meines Bruders zuhause blieb und nicht wieder in ihren alten Job fand, tat sie mir leid, weil ich doch genau wusste, dass sie die beste Restauratorin auf der Welt sein musste. Ohne ihre Arbeit war sie für mich „unvollständig“. Mein Punkt hier. Dieses Bild prägen durchaus unsere Mütter für uns. Das heißt aber eben auch, dass wir dieses Bild für unsere Kinder prägen. Was für ein Bild der „guten Mutter“ will man seinen Kindern vermitteln? Das sollte sich jede Mutter individuell stellen.

Gabriele: Meine Erfahrung als „Kind des Westens“ ist geprägt von einer freien und schönen Kindheit mit viel Förderung, viel Liebe, viel Freiheit, ohne Kindergarten und in alternativen Schulmodellen. Meine Mutter hat für uns Kinder viele Kompromisse gemacht, ich bin ihr sehr dankbar dafür und sie war überzeugt davon für uns das Beste zu tun. In einer Großfamilie erübrigen sich Betreuungspläne oft, was vieles einfacher macht: meine Kinder sind auch erst in die 3-stündige Vorschule gegangen, davor gab es genug Anregung, andere Kinder und individuelle Förderung. Daraus haben wir alle viel gelernt und die Zeit für beruflichen Erfolg kann auch später kommen…

 

 

FAZ:  “Kinder und Karriere werden subjektiv als unvereinbar wahrgenommen, weil die Opportunitätskosten, um an die Spitze zu gelangen, zu hoch erscheinen.”

Ulrike:   Wenn man sich Kinder wünscht und diese Entscheidung bewusst und aus Herzen trifft, dann geht die Rechnung immer auf. Die Formel zu Glück und Erfülltheit bekommt schlichtweg andere Werte.

Gabriele:   Kinder und Kariere scheinen nur dann unvereinbar, wenn man den engen Blickwinkel hat, dass sich alles in der „Rushhour des Lebens“ ballen muss. Löst man sich davon – und das wäre sinnvoll – entzerrt sich die Biographie, jede Lebensphase bekommt ein neues Gewicht, der Stresspegel sinkt und man erspart sich später das „Empty-Nest-Syndrom“. Später mit mehr Lebenserfahrung an die Spitze zu gelangen ist kein Nachteil!

 

FAZ:  “Ein Gefühl der Zerrissenheit wird zum ständigen Begleiter, die Partnerschaft zunehmend zum Mini-Kindergarten, in dem sich beide Eltern nur noch um die Betreuung des Kindes herum organisieren.”

Ulrike:   Das passiert – zeitweise. Das passiert aber auch ohne Kinder – mit zu viel Arbeit, zu viel Hobbies, zu viel Party.

Gabriele:   Die Partnerschaft soll ja auch halten und dazu braucht sie Raum und Zeit. Die Familie ist für viele das Zentrum ihres Lebens und Kinder nicht nur Betreuungs-Objekte, sondern Teil einer Gemeinschaft, in der nicht die einzelnen Personen wie Spielfiguren hin und her geschoben werden können. Also auch hier gilt: entschleunigen, entzerren und berufliche Höhenflüge in andere Lebensphasen verlagern.

 

 

FAZ: “Nur eine Mutter, die auch daran glaubt, dass beides vereinbar ist, wird sich auf den Weg an die Spitze machen.”

Ulrike:   Genau! Das muss nicht immer der klassische ursprünglich angedachte Weg sein. Das kann Jahre später passieren, in Selbstständigkeit oder mit Umwegen. Und nicht selten findet man die Spitze schlussendlich langweilig und einsam, während dann Zuhause ein Rudel lustiger, liebenswerter und fröhlicher Kinder auf einen wartet.

Gabriele:   Oder neu formuliert: Nur eine Mutter, die an die Möglichkeit glaubt Kinder und Kariere in ihrem Leben zu wollen, wird sich auf den Weg an die Spitze machen und eins nach dem anderen erledigen!

 

Wir würden uns sehr über andere, oder ergänzende Meinungen und Standpunkte zu diesem Thema freuen !

Artikel von

4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

Hallo,
Bitte hinterlassen Sie uns einen Kommentar.

Die Motherbook-Autoren versuchen, alle unerwünschten Beiträge fernzuhalten. Trotzdem ist es uns nicht möglich, alle Beiträge zu überprüfen. Motherbook kann deshalb nicht für den Inhalt der Beiträge verantwortlich gemacht werden. Jeder Nutzer trägt für seine Beiträge die Verantwortung. Wir weisen darauf hin, dass Beiträge, die gegen geltendes Recht verstoßen, auch im Internet der Strafverfolgung unterliegen und zur Anzeige gebracht werden können.

Kommentar hinterlassen