Schule ohne oder mit Noten? – ein Briefwechsel

einschulung

Liebe Gaby

 

Ob Schulnoten oder nicht ist ja immer wieder ein heißdiskutiertes Thema und einige Bundesländer experimentieren mit den verschiedensten Systemen. So will Schleswig Holstein Schulnoten jetzt erst ab der 8. Klasse einführen. Mit der Begründung: Ziffernoten seien an Grundschulen fehl am Platz. Sie seien pädagogisch nicht sinnvoll. Berichtszeugnisse wären wesentlich aussagekräftiger. Wie Du Dir denken kannst, stehe ich dieser Entscheidung, sowie der grundsätzlichen Entwicklung, völlig weg von den Noten zu gehen, wirklich sehr kritisch gegenüber. Bevor ich Dir aber erkläre, warum ich diese Entwicklung für schwierig halte, möchte ich betonen, dass ich ein großer Fan von Konzepten wie Montessouri, Jena Plan oder Waldorf bin. Gleichzeitig halte ich aber deren Umsetzung in unserem gesellschaftlichen System für schwierig. Das hat folgende Gründe:

 

1. Eine Schule ohne Noten ist wie ein Elfenbeinturm in einer Leistungsgesellschaft

So ähnlich hat es Josef Kraus im Spiegelartikel beschrieben und ich stimme dem ganz und gar zu. Wenn es darum geht, die Schüler auf eine Gesellschaft vorzubereiten, in der sich keiner mehr dafür interesseiert in welchem Kontext du gut oder schlecht warst, sondern in der nur die eigentliche Leistung zählt, dann wird es schwierig. Stell Dir vor deine Kinder kommen, ähnlich wie es bei der Waldorfschule der Fall ist, aus einer eigenen kleinen Welt mit individuellen Beurteilungen und einer intern schlüssigen aber extern schwierig zu beurteilenden Messlatte. Ich sage Dir, diese Schüler werden mit dem knallharten Leben „draußen“ schnell überfordert sein und hart kämpfen müssen, um sich diesen Bedingungen anzupassen – Besonders Schüler die ohnehin nicht die schnellsten, schlausten und besten sind.

 

2. Zu viele Konzepte verderben den Brei

Der große Vorteil am Notensystem ist: Es ist einheitlich. Die Note 6 bedeutet in Schleswig Holstein genau dasselbe, wie im Saarland. Bei den alternativen Konzepten zum Notensystem wiederum kann man doch kaum noch durchblicken. “Rasterzeugnisse”, “Bausteinzeugnisse”, “Berichtszeugnisse”, “Briefzeugnisse”, “zuwachsorientierte Leistungstests”, “relative Notengebung” sind nur einige der Konzepte, die aber schon recht gut aufzeigen, was für ein Kuddelmuddel an Ideen entstanden ist. Wer soll denn da noch entscheiden, welches nun wiederum gut oder schlecht ist? Sobald ein Kind umzieht oder nur an eine andere Schule geht, muss es sich ganz neu orientieren. Und der spätere Arbeitgeber weiß auch nicht in welchem Verhältnis diese Beurteilungen zueinander stehe. Dies schürt erneute Verwirrung und benachteiligt sind am Ende auf lange Sicht die Kinder.

 

3. Noten sind messbar

Sag doch mal ehrlich was dich mehr motiviert hat: Ein Satz, wie „ Gaby hat diese Aufgabe besonders gut gemeistert“ oder die Note 1. Schüler können häufig mit Noten als Motivationsgeber mehr anfangen als einer Beurteilung. Gerade in Zeiten wo es mit der Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung etwas schwierig ist. Beurteilungen können so unterschiedlich ausgelegt werde, wie es eben nur Worte können und bei Noten ist das dann schon wieder etwas schwieriger. In anderen Worten:

 

„Kinder vergleichen sich ständig bezüglich aller möglichen Faktoren. Dies ist entwicklungspsychologisch normal und zur Selbstfindung notwendig. Zusätzliche Bestätigung ihrer Wahrnehmung verlangen sie von Erwachsenen, besonders von Lehrern – und fordern sie deshalb auch ständig. Noten stellen die knappste und relativ beste Aussage dar.“ Barbara Weber in der Zeit

 

4. Beurteilung sind auch nur Notenatrappen

Natürlich ist es schön, wenn sich der Lehrer hinsetzt und wirklich darüber nachdenkt, wie sich die Kinder entwickelt haben und welche Stärken und Schwächen sie haben. Ich fand das auch immer nett. Nicht am wichtigsten aber nett. Am Ende ist es doch aber so, dass die Beurteilungen, wenn sie denn irgendwie skalierbar sein sollen, auch nichts anderes sind als Noten in Wörtern bzw in einen Kontext gesetzt. Und wenn diese Beurteilungen wirklich gut sein sollen, dann brauchen die Lehrer für eine Klasse mit 30 Schülern auch wirklich viel Zeit dafür, mal abgesehen von dem Koordinationsaufwand mit den Fachlehrern. Zeit, die sie meiner Meinung nach lieber mit der Schülerarbeit verbringen sollten. Nicht alle Schulen haben den Luxus von wenig Schülern, flexibler Zeiteinteilung und einer angemessenen Bezahlung. Aber das nur am Rande.

 

So und was mir bei der Debatte am meisten fehlt ist die Aussage der Schüler. Wurden die jemals gefragt? Woran macht man denn all diese Konzepte fest? Und wie geht es den Schülern, die keine Noten hatten, wenn sie aus der Schule kommen und im Studium oder der Ausbildung zurechtkommen müssen?

 

Ich denke, dass eine Kombination sicherlich in der Theorie toll wäre, aber bevor wir darüber nachdenken, sollten wir eine Umgebung für Schüler und Lehrer schaffen die a) einheitlich ist und b) eine solche Beurteilung ressourcentechnisch zulässt.

 

Ich selbst bin bis zur 3. Klasse in einer Jena Plan Schule gewesen, danach auf eine normale Grundschule gegangen und habe dann am Gymnasium das Abitur gemacht. Ich hatte sozusagen, das Beste aus „beiden Welten“.

 

Ich bin gespannt auf Deine Antwort, da ich ja weiß, dass Du ein großer Verfechter der Abschaffung des Notensystems bist.

 

Liebste Grüße

Ulrike

 

 

Artikel von

Jungmutter einer kleinen Tochter, Mompreneuer, Master in interkultureller Kommunikation, ausgebildete Mediatorin

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