Schule ohne oder mit Noten? – Ein Briefwechsel

Brauche ich Noten?

Liebe Ulrike,

hier möchte ich gerne auf Deinen Brief zum Thema “Noten in der Schule” antworten:

In den alternativen Schulprojekten gibt es schon seit Jahrzehnten Schulformen, die ganz oder bis weit in die Oberstufe hinein auf Bewertungen von Schülerleistungen durch Noten verzichten. Im staatlichen Schulsystem und auch auf den meisten konfessionellen Schulen ist die Benotung spätestens nach der dritten Klasse Standard.

Nun gibt es Bestrebungen dieses System auch für staatliche Schulen infrage zu stellen. Schleswig-Holstein will Noten an der Grundschule ganz abschaffen. Nach meinem Ermessen und meiner Erfahrung ist das eine wunderbare Erneuerung und eine Tendenz, die sich langsam aber sicher in vielen fortschrittlichen Schulen durchsetzen wird.

Ich selbst habe Erfahrungen in den unterschiedlichsten Schulsystemen gemacht – sowohl mit meinen Kindern, als auch selbst als Schüler. Für mich sind Noten nur ein untaugliches Mittel zur Beurteilung von sowohl Wissens-, als auch Entwicklungsstand eines Schülers. Sie sind weder neutral, noch gerecht, noch motivieren sie in den meisten Fällen. Zugegeben sind Noten für Lehrer ein pragmatisches Werkzeug, einfach zu verwenden und schnell hingeschrieben.

Man müsste sich jedoch die Frage stellen, was man mit einer Benotung bewirken möchte. In unserer Hochschul-Zulassungs-Praxis haben Noten seit Einführung des Numerus Clausus ein Gewicht bekommen, das wirklich fragwürdig ist: Was hat das sehr gute Abiturzeugnis eines Bewerbers mit seiner Befähigung für z.B. den Arztberuf zu tun?!? Außerdem wissen wir alle wie ungerecht und wie wenig neutral eine Benotung sein kann. Schon allein die einzelnen Bundesländer haben so unterschiedliche Schulsysteme und jeder weiß, wie wenig diese zu vergleichen sind. Mit der individuellen Entwicklung eines jungen Menschen haben Zensuren sehr wenig zu tun.

Eine Note ist gleichsam ein Etikett, dass einem Schüler aufgeklebt wird, das nichts oder nur wenig mit der Persönlichkeit des Kindes zu tun, spiegelt aber häufig ein subjektives Urteil eines Lehrers.

Auch Schüler selbst stellen das Notensystem immer wieder infrage und fordern einen Wandel in der Schullandschaft.

Wer sich die Mühe macht und das Standartwerk der Waldorfpädagogik „Erziehung zur Freiheit“ liest, wird sich wundern wie modern und differenziert dieses Jahrzehnte alte Konzept ist und wie viele der Grundgedanken – damals revolutionär – sich im heutigen Schulsystem wiederfinden lassen. Dieser Pädagogik liegt ein Menschenbild zugrunde, das keinen Raum für Zensuren lässt.

Auch an einer Montessori-Schule ist es möglich zum Einser-Abitur ohne Noten zu kommen. Dort gibt es bis zum Ende der Schulzeit keine Noten, erst das Abiturzeugnis wird den staatlichen Anforderungen formal angepasst.

Die Montessori-Pädagogik geht davon aus, dass Kinder frei aus der eigenen Motivation heraus lernen sollten und das die assistierenden Pädagogen die Aufgabe haben ideale Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Grundsatz „Hilf mir es selbst zu tun!“ (Maria Montessori) umgesetzt werden kann. Da haben Zensuren keinen Platz…

Das macht Schule: die Evangelische Schule Berlin Zentrum verfolgt ein pädagogisches Konzept, welches eine Benotung von Leistungen erst ab Klasse 9 vorsieht. Hier stehen auch freies Lernen und die individuellen Potenzialentfaltung eines jeden einzelnen Schülers im Mittelpunkt.

Nun möchte ich noch auf Deine einzelnen Punkte eingehen:

Zu 1. “Eine Schule ohne Noten ist wie ein Elfenbeinturm in einer Leistungsgesellschaft“

Deine Befürchtung z.B. Waldorfschüler kämen aus einer kleinen heilen Welt und seien der knallharten Realität nach der Schule nicht gewachsen, kann ich aus eigener Erfahrung nur entkräften. Auch dort hängt eine „Messlatte“, nur ist sie anders „verpackt“. Das Zeugnis mit einer schriftlichen Beurteilung kann, je nach Sichtweise, sehr unterschiedliche und differenzierte Nuancen haben.

Vergleichen wir hier einmal zwei unterschiedliche Schüler, die „befriedigende“ Leistungen erbracht haben:

„S. hat sich im Laufe des Schuljahres mit großem Einsatz und kontinuierlichem Fleiß um die Inhalte des Unterrichtes bemüht. Er hat regelmäßig die schriftlichen Hausarbeiten angefertigt  und sich um rege mündliche Mitarbeit bemüht. So konnte er ein durchaus zufrieden stellendes Wissen ansammeln. Weiter so!“

oder:

„T hat nur das nötigste zum Unterricht beigetragen und häufig war er mit anderen – nicht zielführenden – Dingen beschäftigt. Am Ende hat er durch kurzfristigen Einsatz doch noch befriedigende Leistungen erzielt, die aber weit hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben sind. Sie wollen und können aber mehr!“

Daran sieht man: zweimal die selbe „Note“ mit sehr unterschiedlicher Aussage und Wirkung. Je nach Persönlichkeit und Begabungsprofil des Schülers kommt eine präzise Charakterisierung zum Ausdruck. Ich selbst habe in meiner Pubertät vor diesem „Spiegel“, der mir vorgehalten wurde, einen möglichst großen Bogen gemacht und meine Eltern wussten, dass da noch viel ungenutzter Spielraum nach oben war…

Messlatten „draußen“ hatten für mich später eine wesentlich kleinere Bedeutung, denn meine geschulte Selbsteinschätzung war sehr viel präziser als Noten oder Punkte.

Zu 2. aus Deinem Brief: “Zu viele Konzepte verderben den Brei“

und

3. “Noten sind messbar“

Dieser Einwand scheint zunächst verständlich, ist aber bei näherer Betrachtung nicht haltbar. Noten sind (s.o.) so wenig neutral und in verschiedenen Schulen und Regionen in keiner Weise vergleichbar, dass es immer eine große Anpassungsleistung für Schüler ist die Schule, den Wohnort oder sogar das Schulsystem zu wechseln. Ich selbst habe es immer als inspirierende Herausforderung und auch als Chance empfunden, wenn solcherlei Wechsel anstanden. Schließlich darf man nicht vergessen, dass selbst ein Lehrerwechsel an der selben Schule für einen Schüler schon ein “Erdrutsch“ in die ein oder andere Richtung bedeuten kann. Daher halte ich die Art der Bewertung von Leistungen an sich für relativ unerheblich, wie auch immer sie benannt werden. Wünschen würde ich mit ein System mit motivierender und inspirierender Wirkung auf die Schüler. Potenzialentfaltung funktioniert nicht durch Notendruck.

Zu 4. “Beurteilungen sind auch nur Notenattrappen“

Dein Einwand ist natürlich in vielen Fällen berechtigt, denn für Lehrer bedeuten gute schriftliche Beurteilungen eine erheblichen Mehraufwand und manche benutzen  nur schriftliche „Schablonen“. Jedes Wort mehr in einem Zeugnis bedeutet jedoch auch eine Chance für beiden Seiten, sowohl Leistungen besser gerecht werden zu können, als auch sich ernsthaft Gedanken über die Entwicklung der Schüler zu machen.

Klassenstärke und Arbeitsbedingungen für Lehrer sind zwei weitere Themen, die nicht mit dem Notenthema vermischt werden sollten. Die Gesellschaft sollte darüber nachdenken, welchen Stellenwert Schule und Bildung haben soll und entsprechende Standards einfordern!

Während meiner vollständig notenfreien Grundschulzeit auf einer Montessori-Schule habe ich nicht einmal über Noten nachgedacht. Auf dem Gymnasium hatten sie für mich wenig Bedeutung und ich habe mich eher darüber gewundert. Auf der Waldorfschule hatte ich während meiner Pubertät manchmal ein etwas ungutes Gefühl, wenn meine Eltern erfuhren, dass ich meinem Möglichkeiten nicht wirklich gerecht geworden bin – ich selbst wusste das selbst sehr genau, auch ohne Zeugnis…

Meinen Kindern haben die Noten in der Schule nicht geschadet, aber auch nichts genutzt. Bei uns herrschte aber auch keinerlei Leistungsdruck. Wir Eltern haben versucht den Kindern ein Spektrum von Pontzialentfaltungs-Möglichkeiten anzubieten, das sie möglichst umfassend gefördert hat und das sich nicht auf die Schule beschränkt hat. Das wäre mit „Notendruck“ nicht in der umfassenden Form möglich gewesen.

Inzwischen haben alle unsere Kinder geäußert, dass sie für dieses breite Angebot sehr dankbar sind.

Für uns haben Noten keine Bedeutung und wir wünschen uns ein Bildungssystem mit dem Fokus auf die optimale Potenzialentfaltung der Schüler.

Ich persönlich halte das Notensystem in der Schule für ein Relikt aus dem letzten Jahrtausend, das in die „Mottenkiste“ gehört. Deiner Tochter wünsche ich Lernbedingungen, die ihrer Persönlichkeit, ihrem Potenzial entsprechen und ihre Motivation anfeuern. Außerdem wünsche ich ihr eine inspirierende Umgebung, die sie von “Bewertungen” jeder Art unabhängig, aber die sie derart neugierig macht, dass sie sich um der Sache selbst willen mit anspruchsvollen Inhalten befassen möchte.

Liebste Grüße

Gaby

 

Artikel von

4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

Ein Kommentar

  1. […] Gabriele Patzschke von Motherbook: „Die Zeugnisse wurden mit allen vier Kindern gemeinsam bei einem Zeugnisessen gefeiert, dabei haben wir unsere Wertschätzung für ein abgeschlossenes Schuljahr ausgedrückt. Wer nicht zufrieden war mit Beurteilungen, konnte dies in der großen Runde besprechen und wurde entweder getröstet oder dabei unterstützt mit neuer Energie weiter zu preschen. Belohnung sind gute Noten mit der gemeinsamen Freude daran genug.  Wir haben eher bei Schwierigkeiten getröstet, ein Extra-Eis spendiert oder einen kleinen Wunsch erfüllt. Ich selbst bin für eine Schule ohne Noten! „ […]

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