Schule – Liebe auf den ersten Blick

einschulung

Gibt’s das denn?

Gibt es das, dass man ein Leben lang gerne zur Schule geht, dass man gerne lernt, dass man gerne lehrt und sich so privilegiert fühlt, dass man meint, man müsse für die Freude, die man jeden Tag verspürt, etwas bezahlen, statt ein Gehalt Monat für Monat zu bekommen?

Ich übertreibe? Ich schöne? Ich verdränge das Negative und Widerständige, die Misserfolge und Niederlagen?

Aber nein doch!

Nur wer davon ausgeht, dass das Negative und Widerständige, die Misserfolge und Niederlagen nicht zum Wachsen und Reifen gehören, nur der wird sagen, ich übertreibe und schöne und verdränge.

Was macht hat diesen Beruf für mich so attraktiv gemacht? Warum war die Entscheidung, eine lernende Lehrende bzw. eine lehrende Lernende zu werden, für mich die richtige? Wo gibt es noch einen Beruf, in dem ich mich dauernd geistig mit alten und neuen Inhalten, mit Literatur, Sprache und Philosophie (Das sind meine Fächer, aber es hätten genau so gut: Mathematik, Physik oder Chemie oder … sein können!) auseinander setzen darf? Wo gibt es noch einen Beruf, in dem ich in ständigen Kontakt mit jungen Menschen, mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sein darf, um sie wachsen und reifen und lernen zu sehen, sie zu begeistern … für Schillers Jungfrau von Orléans zum Beispiel ebenso wie  für das für Philosophie und Erkenntnistheorie so wichtige Doppelspaltexperiment. (Als ich anfing, Philosophie zu studieren, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich eines Tages meine fast ebenso große Liebe zu den Naturwissenschaften wie zur Literatur und Philosophie in meine Lehrtätigkeit würde integrieren können!) Und mich selbst mit ihnen zu verändern, zu entwickeln, aufgeschlossen für Neues zu bleiben, … auch und gerade dafür, wie Kinder und Jugendliche und junge Erwachsenen – unter sich ändernden kulturellen, sozialen und technischen Rahmenbedingungen – sich selbst als Individuen verändern. Wo also gibt es noch einen Beruf, in dem ich in ständigem Kontakt mit der Gesellschaft selbst und den sie formenden Kräften bin und mich dazu nicht nur beobachtend, sondern aktiv mit gestaltend verhalten kann und darf und muss.

Ich weiß nicht, ob es empirische Studien dazu gibt.

Ich weiß noch nicht einmal genau, wie sie aussehen müssten!

Aber wissen wir nicht alle, dass es auf die Person des Lehrers ankommt. Dass der Lehrer Kinder und Jugendliche und junge Erwachsenen respektieren und achten und lieben können muss. Dass er selber Sachkompetenz sich erworben haben und sich stets erneuernde Begeisterung für sein Fach empfinden muss. Dass er vom Wunsch und Willen durchdrungen sein muss, etwas von seinem Wissen und seiner Begeisterung weitergeben zu dürfen und dass die Herausforderungen, mit denen dieser Vermittlungsprozess ihn konfrontiert, seine ganze Persönlichkeit fordert und fördert. Dass er als Person also zugleich fexibel und fest, liebevoll und streng, einfühlsam und disziplinierend … leitend und lenkend, aber auch immer duldend und werbend bleiben muss.

Was für eine Menge von Qualitäten! Was für eine Herausforderung!

Und in der Tat: Lehrer zu sein, ist eine Herausforderung der ganz besonderen Art!

 

Artikel von

1 Tochter, 1 Sohn, verh., Dr. phil., Lehrtätigkeit (TU, Gymn.)

Ein Kommentar

  1. Lea von Reck at | | Rückmeldung abgeben

    Es ist toll, zu lesen, wie eine offensichtlich begeisterte Lehrerin von ihrem Beruf schwärmen kann. Gerade für meine Situation als Lehramtsstudentin, die kurz vor ihrem Abschluss steht und sich eher über ihre Fächer als der pädagogischen Ausbildung definiert wissen will, sind solche Positivbeispiele wertvoll.
    Die fachdidaktischen Kurse an der Uni verstärkten leider meine leichte Abneigung gegenüber dem Beruf. Jene empfand ich als mehrheitlich langweilig, pseudo-therapeutisch, zu viel Gerede. Die Arbeitseinstellung manch einer Lehrkraft, der ich bei meinen Hospitationen an Schulen begegnet bin, welche sich leider nicht durch die von Frau Knackstedt geschilderte Begeisterung an den spannenden Herausforderungen des Schulalltags auszeichnete, bestätigte diese Empfindung zusätzlich. Da kann es für eine Berufsentscheidung unterstützend wirken, von derartigen “Liebesgeschichten” zu hören.

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