„Möhrli“ oder der eigentliche Zauber von Weihnachten

Rituale und Weihnachten-MOTHERBOOK

„Möhrli“ oder der eigentliche Zauber von Weihnachten

Vor allem zu Weihnachten geht die ganze Saat der angelegten Pflänzchen aus den herüber geretteten Kindertagen auf. Nicht nur als Weihnachtsbaum. Beileibe nicht. Ich kann da bei mir aus dem Vollen schöpfen, denn Weihnachten beschreibt einen ganz großen Teil meiner Person. Den zwanghaften vor allen Dingen. Und den poesievollen natürlich auch, den hingebungsvollen und den kindlichen.

Zwanghaftes Handeln ist gar nicht so schlimm wie man immer meint. Es ist wie das Anlegen eines Korsetts, und es soll keiner behaupten wollen, dass die Stützkraft dieser geschickten Verwebungen nicht schon maßgeblich für entscheidende Momente war.

Meine Erfahrung zeigt mir, dass das größte Geheimnis im Gelingen dieses Festes darin liegt, das man es nie mit Worten entzaubert darf. So wunderbar ausgestattet bin ich in mein eigenes Weihnachten seit der Geburt unserer ersten Tochter eingetreten. Das erste Weihnachten mit einem 3 Monate alten Baby und einem Bäumchen, das so klein war, dass die Kerzen schon runtergebrannt waren, bevor das erste Lied zu Ende gesungen war.

Bis heute habe ich nicht viel verändert. Der Baum ist viel größer geworden. Und mein Perfektionswille hat mich zuweilen um den Verstand gebracht. Gegenstände und rituelle Handlungen, die einmal in diese heilige Zeit aufgenommen wurden, müssen alle Jahre mühevoll hervorgeholt oder belebt werden und einer nie verbalisierten Ordnung zugeführt werden. Gestalten, die beileiben nicht nur „Weihnachtsmann“ heißen, müssen den Weg zu ihrem Auftritt gebahnt bekommen und Beachtung finden.

So  gibt es zum Beispiel „Möhrli“. Ein fester Bestandteil unserer Weihnachtskultur. Entstanden im Jahr 1946, als meine Mutter das Türchen ihres Adventskalenders am 16. Dezember öffnete und das Bild eines kleinen farbigen Jungens präsentiert bekam. Auf ihre Frage, was das denn bedeuten würde, antwortete ihr meine Großmutter: „Heute ist Möhrli. Wusstest Du das nicht? Ein ganz besonderer Feiertag!“. Am gleichen Abend noch sprang eine Gestalt in einem dunklen Lodenmantel gehüllt mit Wunderkerzen durch den dunklen Garten.

Bis heute feiern wir, meine fast erwachsenen Kinder, mein staunender  Mann  und ich mit meiner Mutter und meinem durchaus immer noch staunenden Vater diesen hohen Feiertag gemeinsam. Es liegen kleine Geschenke auf dem Teller und – bei günstigen Bedingungen, wenn die Nachbarn es nicht sehen – springt eine Gestalt mit Wunderkerzen im Dunklen den Weg entlang, wir am Fenster stehend und die Szenerie beobachtend.

Weihnachten ist auch die Beruhigung der Seele über die unaussprechlichen, wundersamen Dinge zwischen Himmel und Erde. Wenigstens 4 Wochen lang.

 

Artikel von

2 Töchter, verheiratet, Inhaberin einer Agentur für Kunstvermittlung und Kulturveranstaltungen.

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