Warum jeder Ort einen Marktplatz braucht

Herthas Laden - Motherbook

Eine der herausragendsten Eigenschaften guter Wohngegenden ist deren diskrete Entseelung. Hinter beindruckender moderner Architektur und kenntnisreicher Erhaltung historischer Bausubstanz finden sich wenige Nischen bürgerlicher Zugeständnisse. Solche, wo man entweder schnell mal underdressed unterschlupft oder solche, wo man erfährt, was die Nachbarschaft gerade so macht.

Ich darf mich glücklich schätzen. Ich wohne in einer solchen Gegend. Glücklich bin ich, weil ich ohne eigene Einfahrt eine Adresse führe, wo mir ohne viele Worte signalisiert wird, dass wir uns eben glücklich schätzen dürfen, dort zu wohnen. Vor allem aber, weil wir trotz dieser drohenden diskreten Entseelung Teil eines kleinen „Marktplatzes der Gefühle“ und einer florierende Informationsbörse sind. Dahinter steht eine rüstige Dame mit rosigen Wangen und einer schier überirdischen Kenntnis aller Anwohner und einem ebensolchen Verständnis für jeden, auch für den, den keiner ertragen kann. Mit mäßigender Wirkung auch auf unlösbare Streitigkeiten. Und für Kinder, für Kinder ist sie überhaupt das Größte!!!

Zur Erklärung: Herta führt ein kleines, schmuckes Geschäft in einem der übriggebliebenen Häuschen aus den 50er Jahren, knallgelb gestrichen mit apfelgrünen Fensterumrahmungen. Jeder würde für ein so schmerzhaftes Farbempfinden bestraft werden. Herta niemals. Ihren Laden führt sie vornehmlich mit Lebensmitteln: Es gibt eine ansehnliche Wurst- und Käsetheke und ständig frische Backwaren, selbstgemachte Marmeladen und frische Gänse auf Bestellung in der dunklen Jahreszeit. Frische Himbeeren auch im November, Ingwerwurzeln und Clementinen, die immer Kerne haben, auch wenn man das ausdrücklich nicht möchte.  Aber genauso gehören zu ihrem Sortiment Batterien, Kerzen, Gummischlangen in absurden Farben, Lakritz-Schnecken und Kinderüberraschungseier. Regionale und internationaler Presse. Aber auch Wasserenthärter, Babynahrung, Indianerknäckebrot, Sojamilch und Papierservietten. Wirklich einfach alles. Und das fein abgestimmt auf das Bedürfnisdiagramm unserer Straße. Es gibt offenbar tatsächlich Menschen in unserer unmittelbaren Nähe, die hin und wieder gerne eine Dorschleber aus der Dose verspeisen. Herta hat sie.

Unsere Kinder sind mit ihr aufgewachsen. Näher als mit ihrer Großmutter. Herta bekommt Ansichtskarten aus den Ferien geschickt und zu Weihnachten Kalender gebastelt.

Unsere Tochter Annabel hatte im zarten Alter von 5 Jahren einen ersten Einkaufsauftrag erhalten und durfte diesen bei Herta erledigen. Sie eilte beschwingt davon, durchaus ihrer Verantwortung bewusst, vermischt mit ein paar kleinen Unsicherheiten, ob die reale Welt sie auch freundlich aufnehmen würde. Aber insgesamt guter Dinge.

Nach einer gefühlten Stunde kam sie zurück, eine offenbar schwere Tüte schleppend. Wir waren gespannt. Die paar Brötchen konnten ja nicht so schwer sein. Der ganze Auftrag war offenbar zu einem Projekt angeschwollen.

Annabel trat ein und brachte von draußen einen Schwall aufgeregter Luft mit herein. „Hier!“ sagte sie. „Damit Ihr Euch auch mal was gönnt!“ und stellte hörbar eine Flasche Champagner, einen Veuve Cliquot, auf den Tisch.

Wir waren erstaunt, freuten uns aber an der positiven Lebenseinstellung des Kindes und den unerschrockenen Umgang von Herta mit dem gehobenen Preissegment – und der Alkoholausgabe an ihr minderjähriges Publikum. Wobei man sagen muss, bei Herta darf man anschreiben lassen. Das gibt den Kindern bis weit ins Erwachsene Alter das endgültige Gefühl wieder zu Hause zu sein. Und den Eltern die Beruhigung, das alles mit rechten Dingen auf der Welt zugeht.

 

Artikel von

2 Töchter, verheiratet, Inhaberin einer Agentur für Kunstvermittlung und Kulturveranstaltungen.

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