Kindchenschema gegendert

Kleiner Hase

Seitdem ich mich erinnern kann, höre ich immer wieder diese Elternanekdote. Sie wird bevorzugt ausgegraben auf Familientreffen, Dinnerrunden, Kaffeekränzchen und wird von meinen beiden Eltern erzählt. Ich weiß nicht mehr, wer welchen Part übernimmt.

Die ganze Geschichte fängt damit an, dass meine Mutter verzückt über das Babybett oder den Kinderwagen von mir gebeugt ist – genauso wie einige Jahre vorher und nachher über jene von meinen anderen Geschwistern – und ihre Augen nicht von ihrer Brut lassen kann. Sie war wohl immer völlig hingerissen davon, wie süß, wie himmlisch diese kleinen Geschöpfe waren und wandte sich oft an meinen Vater: „Kurt, ist es nicht ein Geschenk des Himmels? Schau!“ Mein Vater lugte über die Kante des Bettchens: „Ja, das ist in der Tat ein süßes Baby.“ Meine Mutter riss die Augen von mir, was sie viel Kraft kostete, und blickte meinen Vater flehend an: „Schau doch!“ Und mein Vater sammelte all seinen Enthusiasmus, den er auftreiben konnte: „Aber ja doch! Es ist wirklich ein süßes Baby.“

So blieb meine Mutter unbefriedigt und musste warten, bis wir Gäste bekamen. Sie schob den Kinderwagen zwischen Sabine, Susanne, Maria und Vera hindurch und strahlte: „Schaut!“ Sabine, Susanne, Maria und Vera strahlten und ihre Stimmen rutschten eine Oktave nach oben, als sie sich über den Wagen beugten. Meine Mutter fand endlich Verständnis – so wie auch mein Vater. Er stand dort mit Martin, Manfred, Norbert und Jürgen, anstandshalber ohne Bier. „Guckt mal!“, sagte er verzückt. „Gaby fährt mal wieder ihren neuen Porsche spazieren!“

Was in den Familienrunden und Dinnerkränzchen einvernehmliches Kopfschütteln der Frauen und lebhafte Diskussionen hervorruft, ist jetzt auch wissenschaftlich erforscht: die Cuteness („Süßheit“) von Babys und wie Frauen und Männer unterschiedlich darauf reagieren. Fakt ist: Männer tun es einfach nicht. Ihnen fehlt schlicht und ergreifend die Fähigkeit das Süße der Säuglinge wahrzunehmen. Und das soll nicht heißen, dass Männer unsensibel gegenüber Babys wären. Sie sind sehr wohl in der Lage – und dies genauso gut wie Frauen – zu erkennen, ob ein Baby glücklich oder unglücklich oder älter oder jünger als ein anderes ist. Nur das mit der Süßigkeit geht bei ihnen einfach nicht rein.

Getestet wurde das Ganze von Lobmaier et al. mit Bildern von Babygesichtern, die ausgehend von Prototypen jeweils in Richtung süß und weniger süß verändert worden waren. Frauen wählten zuverlässig das süßere Bild aus, während bei Männern (wie im Übrigen auch bei Frauen im nicht mehr gebärfähigen Alter) eher ein Zufallsgenerator im Spiel gewesen zu sein schien. Man geht also davon aus, dass das Phänomen hormonell bedingt ist.

Interessant wie auch eventuell problematisch für uns junge, emanzipierte Frauen ist der Interpretationsansatz der Forscher, der auf die klassische Rollenverteilung verweist: Die Natur hat vorgesehen, dass die Frau sich um das Baby kümmert – schließlich hat sie die Fähigkeit, es immer noch relativ hinreißend zu finden, auch wenn es schon seit drei Stunden schreit, weil es ihm nicht gut geht.

Noch tierischer ist folgender Ansatz: In der Natur kann es vorkommen, dass Weibchen ihre Jungen abstoßen. Klartext: Das Baby muss süß genug sein, um von der Mutter angenommen zu werden. Außerdem muss es süß sein, noch süßer als seine älteren Geschwister, damit die Mutter ihre Priorität auf den Schutz des aller Jüngsten setzt.

Lobmaier et al. sichern uns jedenfalls zu, dass dieses Phänomen nicht die Fähigkeit von Vätern einschränkt, tiefe und emotionale elterliche Verbindungen zu ihren Kindern aufzubauen und ich kann ihnen in diesem Punkt aus eigener Erfahrung voll zustimmen, auch wenn mich mein Vater ab und zu sehr gerne als Porsche vorfahren lässt.

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