Interview: Quarterlife Crisis – Die Krise in der Blüte des Lebens

Man denkt ja, wenn die Kinder erst einmal aus dem Hause sind und sogar ein erfolgreiches Studium hingelegt haben, muss man sich als Mutter keine Gedanken mehr machen. Doch immer häufiger kommt mit dem Studienabschluss eine handfeste Krise ins Haus geflattert. Bisher wurde dieses Phänomen, genannt Quarterlife Crisis, recht stiefmütterlich behandelt und wenig erforscht. Die jungen Erwachsenen und ihre Familien wurden lange Zeit damit alleingelassen. Glücklicherweise ändert sich dies langsam und in den USA wird beispielsweise diese Entwicklung erforscht und gelangt zunehmend in das öffentliche Bewusstsein – ähnlich der Midlife Crisis. Auch Deutschland zieht hier langsam nach. Motherbook hatte die tolle Gelegenheit mit einer der wenigen Experten aus Deutschland, Anja Martens, über die Krise in der Blüte des Lebens zu sprechen. Sie widmete sich in ihrer Master Thesis der Quarterlife Crisis und hat uns einen Einblick, Überblick und Ausblick zu diesem Thema geben können.

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Sie sind eine der ersten in Deutschland, die sich mit dem Phänomen der Quarterlife Crisis auseinander gesetzt haben. Jetzt muss ich natürlich gerade heraus fragen: Was ist eine Quarterlife Crisis und wer bekommt sie?

Die Quarterlife Crisis – das verrät uns schon ihr Name – trifft vor allem junge Erwachsene im Alter von Mitte Zwanzig bis Anfang Dreißig, also etwa mit Erreichen ihres ersten Lebensviertels. An dieser Stelle kommt es gerade im Leben eines Hochschulabsolventen zu einer Reihe entscheidender Veränderungen, die zum einen mit dem Übergang vom Studium ins Berufsleben einhergehen, andererseits ist dies typischerweise eine Lebensphase, in der auch im Privatleben einiges anders zu laufen beginnt als bisher. Man stelle sich zum Beispiel die Situation eines zeitlich flexiblen und räumlich mobilen Berufseinsteigers vor, der zeitgleich eine Partnerschaft eingeht oder gar eine Familie gründet. Die Krise ist also Ergebnis einer Überforderungssituation angesichts dieser zahlreichen gleichzeitigen Umbrüche und den daraus erwachsenden neuen, teilweise konkurrierenden Anforderungen an den jungen Erwachsenen. Zentrale Anzeichen sind dann zermürbende Selbstzweifel, ein Gefühl von Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Niedergeschlagenheit und Orientierungslosigkeit, die sich in schweren Fällen bis zur Depression steigern können. Nicht zuletzt das macht die Krise zu einer ernstzunehmenden Angelegenheit.

 

Es ist doch aber klar, dass jeder Mensch in verschiedenen Lebensphasen an bestimmte Scheidewege gelangt, vor schwierigen Situationen steht etc. Muss das denn gleich wieder eine Krise sein oder ist es lediglich ein Entwicklungsstadium eines jungen Erwachsenen, das dringend dramatisch benannt werden wollte?

Natürlich. Veränderungen, gerade Übergänge von einer Lebensphase in eine neue, stellen seit Anbeginn der Zeit einen jeden Menschen vor große Herausforderungen. Deswegen begegnet einem auch häufig der Einwand, man wolle hier wieder einmal etwas künstlich dramatisieren oder gar – wie wir es auch im Falle des Burn-Out-Syndroms erlebt haben – unnötige Modekrankheiten erfinden für etwas, das es immer schon gab, aber noch nie eine Diagnose brauchte. Hierbei handelt es sich aber um eine naive Betrachtungsweise, haben sich doch die Zeiten und die Verhältnisse, in denen heutige Absolventengenerationen heranwachsen, maßgeblich verändert. Viele Studien zeigen, dass psychische Belastungsstörungen in den letzten Jahren deutlich zunehmen. Da diese aber nun einmal anders als körperliche Erkrankungen schwer greif- oder messbar sind, werden sie nach wie vor von einer breiten Masse nicht ernst genommen, zum Teil sogar belächelt. Genau das war für mich der Anlass, sich dem Thema einmal genauer und vor allem aus einem gesellschaftskritischen Blickwinkel zu widmen, weil diese Perspektive plausible Argumente dafür liefert, dass Phänomene wie die Quarterlife Crisis eben doch ein modernes Extrem, eine „soziale Pathologie“ darstellen können, die sich erstmals an den jüngsten Absolventengenerationen zeigt.

 

Deswegen sprechen Sie in Ihrer Master-Thesis auch von der Theorie der sozialen Beschleunigung. Was hat es mit dieser Theorie auf sich und in welchem Zusammenhang steht sie zur Quarterlife Crisis?

Im Kern ergründet die Theorie der sozialen Beschleunigung, warum es heutzutage an allen Ecken und Enden zunehmend an Zeit zu fehlen scheint. Hartmut Rosa spricht hierin von drei Motoren, die die Beschleunigung unserer gesamten Gesellschaft antreiben: Zum einen gibt es immer mehr technische Innovationen in immer kürzerer Zeit, zum anderen nimmt aber auch der soziale Wandel und das Tempo des Lebens an Fahrt auf. Für Individuen und Gesellschaft zieht das eine Vielzahl an Folgeeffekten nach sich, die die Herausbildung von Krisenformen plausibel machen. Der technische Fortschritt eröffnet auf der einen Seite einen enormen Zuwachs an Handlungsmöglichkeiten, von denen vorherige Generationen nur träumen konnten. Wir können real binnen weniger Stunden und virtuell sogar in Sekundenschnelle von einem Ende der Welt zum anderen reisen und es entsteht der Eindruck, zur Erfüllung unserer Träume bedarf es nicht mehr als nur ein wenig Organisationstalent. Die bloße Möglichkeit erzeugt aber auch einen Handlungsdruck, da verpasste Gelegenheiten – auch vor sich selbst – nur schwer zu rechtfertigen sind. Der Fortschritt schlägt sich auch auf dem Arbeitsmarkt nieder: Unzählige Branchen und Berufszweige entstehen, die eine klare Zielverfolgung nicht nur schwer, sondern beinahe unmöglich machen. Orientierung und Zielferfolgung werden auf der anderen Seite zusätzlich durch den rasanten sozialen Wandel erschwert, der die Grundlage dafür bildet, dass heute niemand mehr sagen kann, welche Qualifikationen und Erfahrungen morgen wertvoll sein werden, welche Branchen Bestand haben und wo es uns einmal hin verschlägt. Viele empfinden das Leben heute als unsicher und unkontrollierbar. Rosa umschreibt das als Slipping-Slope-Syndrom, also als Gefühl, in allen Lebenslagen auf rutschenden Abhängen zu stehen, und immer Gefahr zu laufen, mit Veränderungen und Anforderungen nicht mehr Schritt halten zu können. Die Zeiten, in denen ein Hochschulabschluss noch als Garant für einen Traumjob in Führungsposition galt, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Stattdessen verbreitet sich die Ahnung Peter Conrads: „We run as fast as we can in order to stay in the same place“.

 

Das Phänomen kommt ja ursprünglich aus den USA, bzw. wurde dort das erste Mal als solches benannt und untersucht. Nun haben wir dort auch ganz andere kulturelle Dimensionen, angefangen bei dem Wertesystem bis hin zum Bildungsweg. Ist die Quarterlife Crisis überhaupt relevant für Deutschland?

Das stimmt, allerdings beschränken sich die Namensgeberinnen in ihren Recherchen nicht auf den US-amerikanischen Kulturkreis, sondern gehen von einem globalen, flächendeckenden Aufkommen von Quarterlife Crisis-Symptomen aus. Das zumindest für Deutschland zu überprüfen war zentrales Anliegen meiner Arbeit, weswegen ich neben den gesellschaftstheoretischen Überlegungen auch die quantitative Verbreitung untersucht habe. Hierbei zeigt sich ein Generationenunterschied, was die Vermutung nahelegt, dass die Ausbildung von Krisensymptomen tatsächlich mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen einhergeht, die eben mindestens alle westlichen Gesellschaften betreffen. Neben dem Zuwachs an Optionen und Wahlfreiheiten sind das vor allem Planungsunsicherheiten, die gerade in Deutschland nicht zuletzt auch durch die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahre begünstigt wurden. Die Zunahme befristeter Arbeitsplätze beispielsweise stellt für Hochschulabsolventen ein besonderes Risiko für den langfristigen Arbeitsmarkterfolg dar. Da kann man sich als frisch gebackener Absolvent, der nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld in die eigene Ausbildung gesteckt hat, schon mal mit der Sorge tragen, ob sich die Investitionen auszahlen werden. Versagensängste und Konkurrenzdruck finden also auch hier einen hervorragenden Nährboden.

 

Was waren die „Key Findings“ und was hat Sie in Ihren Ergebnissen besonders überrascht?

Neben dem Generationenunterschied zeigt sich ein deutlicher Fächerunterschied. Demnach sind vor allem Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften von typischen Symptomen betroffen. Das scheint zum einen daran zu liegen, dass in diesen Fächergruppen vermehrt Personentypen vertreten sind, die ohnehin schon zur beruflichen Unentschlossenheit neigen. Erschwerend hinzu kommt dann die Problematik, dass geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer auf kein klares Berufsbild verweisen, was sowohl Absolventen als auch mögliche Arbeitgeber verunsichert. Zukunftsoffenheit und -unplanbarkeit entfalten hier also ein besonders kritisches Potenzial.

Überrascht hat ein ganz anderer Unterschied: Nämlich, dass Absolventen, die in größeren Städten aufgewachsen sind, eher zur Ausprägung von Krisensymptomen neigen, als solche aus ländlichen Gegenden. Das bedarf zwar näherer psychologischer Untersuchungen, legt aber die Vermutung nahe, dass ein Aufwachsen unter entschleunigten Bedingungen resilientere, d.h. weniger krisenanfällige Persönlichkeiten hervorbringt.

 

Haben Sie Handlungsempfehlungen, wie Stundenten und Absolventen mit der drohenden Krise umgehen können?

Von politischen Steuerungsinstrumenten mal abgesehen: Letztendlich ist unsere größte Herausforderung, dass wir spätestens von der Universität zu Skeptikern erzogen wurden, wenn wir es nicht vorher schon waren. Das nicht immer auch auf unser Privatleben zu übertragen, die Wechselfälle des Lebens als Chancen zu begreifen und uns darauf zu verlassen, dass verschiedene Wege letztendlich zu einem Ziel führen, ist vermutlich ein guter Ansatz, um Krisensituationen zu meistern.

 

Wie sind Eure Erfahrungen zu diesem Thema? Gehypt und überbewertet oder ernstzunehmende Entwicklung?

Artikel von

Jungmutter einer kleinen Tochter, Mompreneuer, Master in interkultureller Kommunikation, ausgebildete Mediatorin

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