Engelbegegnung

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Was stelle ich mir eigentlich unter einem Schutzengel vor? Die kleine nackte Putte mit den Flügelchen? Zur Weihnachtszeit beachteter als sonst. Gerne wäre diese kleine Sympathiegestalt mein Engel, aber ich vergesse ihn auch wieder über das Jahr. Mit all den vielen anderen Figürchen aus den Advents- und Weihnachtswochen packe ich auch die Engel wieder ein und lege sie in einen Karton. Damit ist das Thema erst mal erledigt.

Aber wer beschützt mich eigentlich? Wie soll ich mir das vorstellen? Wenn ich mich beschützt fühle, sind das z.B. Momente, wo ich vor dem Zubettgehen einen Blick auf meine Kinder werfe, unendlich beruhigt, dass sie einfach da sind, und dabei beschützt mich auch der Gedanke, dass es immer jemanden geben wird, der auch nach mir schaut.  Das muss nicht im selben Raum sein. Das kann auch das Bedürfnis als solches sein. Das beruhigt mich. Ein Gefühl, das mir einen unsichtbaren Schutz gibt, von dessen Kraft ich immer wieder durchströmt bin. Meine Kinder können nicht den Stein auffangen, der auf mich fallen könnte, aber sie können mich davor bewahren, zu verderben.

Aber was macht ein Engel? Ein bisschen aktiver stelle ich ihn mir schon vor. Es gibt da solche Momente, die vor allem bedeuten, dass man das Zutrauen in sein Gegenüber auffängt und behalten darf. Diese Erfahrung ist ganz groß.

Für das nun zu Ende gehende Jahr war mein Engel Frau H. aus einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, einige Kilometer hinter Flensburg. Ich bin ihr begegnet, als urplötzlich alle Bäume um mich herum, oder zumindest deren dickste Äste, auf mein Auto niederprasselten. Hinter mir und vor mir war im Nu alles blockiert – ein Inferno. Auf der Straße lagen riesige Astgabeln und sogar ganze Bäume. Autos standen kreuz und quer am Straßenrand. Feuerwehr von allen Seiten und umher eilende Menschen, die sich gegen den Sturm stemmten. Mit 160 km/h fegte ein Orkan über das Land. Unser Leben war bedroht. Ein Gefühl, das ich bisher nicht kannte und das sich wie eine Raubkatze anschleicht und sich plötzlich ins Bewusstsein krallt.

Wir suchten Zuflucht, abgeleitet von der Bundesstraße in einen kleinen Ort gedrängt. Wo bleiben? Wo unterstellen? Gerade „Unterstellen“ konnte verheerend sein.

Wir fuhren auf eine private Einfahrt zu mit dem klammen Gefühl, dass wir hier keinesfalls bleiben konnten. Aber da stellte sich plötzlich ein großer Van neben unser Auto. Eine blonde Frau am Steuer gab mir Zeichen. Sie bedeutete mir, dass wir mit ihr in ihr Haus kommen sollten. „Ich mache Ihnen einen Kaffee und danach sehen wir weiter!“ Wenn ich vorher in Panik wild gerufen und geschrien hatte, so war mir jetzt zum Weinen zumute. Vor Erleichterung und vor dem eigentlichen Gefühl, was mich überwältigte: Trost. Was für ein Trost! Nur als Kind hatte ich ein solch umfassendes Gefühl von Trost erlebt.

Frau H. führte uns durch ihr beeindruckendes Foyer in ihr großzügiges Wohnzimmer mit Blick auf einen atemberaubenden Park. Kreuz und quer lag ihr paradiesischer Garten zerborsten und platt gefegt. Darüber war sie lange nicht so beunruhigt wie ich. Sie blieb heiter und aufgeräumt und beschrieb das Glück, an diesem Ort leben zu dürfen.

Stunden später auf unserer unfreiwilligen Fahrt zurück nach Flensburg, war ich vor allem durchdrungen von dem Gefühl, einen glücklichen Menschen getroffen zu haben. Eine gute Voraussetzung für die Kraft eines Engels.

 

Artikel von

2 Töchter, verheiratet, Inhaberin einer Agentur für Kunstvermittlung und Kulturveranstaltungen.

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