Einmal muss Party sein

 

 

 

 

Sturm - die Eltern sind verreist!

Es gibt einen neuen Begriff in meiner Wahrnehmung. Für mich ist er jedenfalls neu. Er heißt: „Sturm“. Inzwischen weiß ich, dass „Sturm“ nichts anderes ist, als die gute alte „sturmfreie Bude“, aber „Bude“ ist natürlich ein Wort aus der Zeit der Autonomen, der Sitzkissen und Räucherstäbchen. Bude möchte heute kein Mensch mehr hören geschweige denn darin wohnen.

Mein Mann und ich hatten ein sturmfreies Wochenende in Berlin. Dafür haben wir das schönste Hotel unter dem Brandenburger Tor gewählt und waren damit weit entfernt von allen Buden dieser Welt.

Unsere beiden Töchter, 17 und 13, ließen wir nicht nur mit Ermahnungen und Regelwerken zurück. Im Gegenteil. Wir machten ihnen ein Programm. Und dieses durchaus nicht zufällig mit dem Schwerpunkt auf den Samstagabend. Es fügte sich eins ans andere unerwartet perfekt: Der Patenonkel bot sich an, mit Annabel, der 17-jährigen, in den Rosenkavalier zu gehen. Eine prachtvolle Oper. Gerade, um in dieses Segment des kulturellen Erlebens einzutauchen. Darüber hinaus sollte diese Oper gleich 2 Pausen haben und damit einen Zeitrahmen von fast fünf Stunden umspannen. Eine ganz und gar glückliche Fügung, die meine eigene Vorfreude auf Berlin noch mal steigerte. Ich hatte richtig Glück. Meine umtriebige Tochter war mit einem unsichtbaren Lasso eingefangen und musste nur noch nach diesem anstrengenden und sicher auch erschöpfenden Opernbesuch nach Hause in ihr Bett getragen werden. Das würde der Patenonkel schon leisten können. Er versprach es auch und ich gewann mehr und mehr das Gefühl, dass ein weiterer Veredelungsmoment für meine hochpubertierende Tochter bevorstand.

Die jüngere Tochter, die 13-jährige, hatte schnell einen Übernachtungsplatz bei ihrer besten Freundin gefunden: Ein nerviges kleines Girlie, ganz in rosa gekleidet und ohne viel Außentendenzen. Um sie machte ich mir also keine Sorgen. 13-jährige haben den Vorteil, dass sie miteinander über Jungs kichern wollen, aber auf keinen Fall mit Jungs.

Prima. Wir waren in Berlin. Die Mädchen hatten es nett. Das Leben kann auch mal unkompliziert und fair sein. Nach einem herrlichen Stück im Brecht Theater breiteten wir uns in einer altberliner Kneipe aus und fühlten uns auf der richtigen Seite des Tages und des Lebens angekommen.

Inzwischen war es 23 Uhr. Annabels Nachbereitung am Telefon war überschwänglich und hastig: „Jetzt endlich weiß ich, was ihr meint!“ Was meint sie denn was wir meinen? Ihre Begeisterung war nicht zu bremsen. Beinahe atemlos berichtete sie. Der Rosenkavalier schien das reinste Schlüsselerlebnis gewesen zu sein. Alles gut. Gute Nacht. Sollen wir noch mal anrufen? NEIN. Also, das ist auf keinen Fall nötig. Genießt doch mal „Euer Berlin!“. Stimmt. Sie hatte recht. Jetzt ging’s mal um uns.

Der nächste Morgen, ein strahlender Sonntag, führte aus vielen Gründen einen Ernüchterungsprozess mit sich. Ein Anruf zu Hause gegen 11 Uhr transportierte ungewohnt tiefe Stimmlagen aus dem Hintergrund in den Telefonhörer. Die Geräuschkulisse war insgesamt sehr dicht. Beinahe meinte ich, ich müsse schreien, damit sie mich überhaupt hört.

Die berühmte Wortwendung „der Groschen ist gefallen“ bekam ein fast physisches Ausmaß. Ich spürte förmlich, wie diverse Anschlussstellen in meinem Gehirn sich mit einem kleinen Geräusch verschalteten und einen Gesamteindruck freigaben, der mich zu dem Schluss kommen ließ: Ich war sauber beschissen worden.

Die dann folgenden Telefonate über den Tag verteilt hatten etwas Klägliches an sich. Vorzeitig angedeutete Strafmaßnahmen wurden zu Hause rasch zerstreut. Versuche, mir einen Gesamtüberblick über das Ausmaß meiner Naivität zu machen gerieten in ein Labyrinth von Lügen aus vielerlei Mündern.

Ein paar Tage später wieder zu Hause empfingen mich die Töchter mit den Worten: „Die Badewanne ist schon für Dich eingelassen!“. Ich fühlte mich augenblicklich wohl in der Idee, sie wären einfach nur süß und ich hätte mich aus irgendeinem Grund geirrt. Später registrierte ich nach und nach Kratzspuren auf Böden und Wänden, aber auch kleine Umgruppierungen von Deko-Elementen in der Wohnung, ja, sogar umgehängte Bilder. Eine rührende, fast spießige Attitüde, sich auf Gäste vorzubereiten. Versöhnung machte sich in mir breit.

Wieder ein paar Tage später traf ich eine Mutter aus eher entfernteren Kreisen. Ich traf sie überraschend direkt vor meiner Haustür mit dem Hund einer Nachbarin. Ein Zufall wollte es, denn unsere Wege kreuzen sich nie. Und diese Mutter freute sich mich zu sehen. Sie wolle sich noch mal bedanken für die coole Party von neulich, die ihr Sohn bei Annabel verbracht hat. Und für unsere Großzügigkeit..

Das daraufhin ultimative Gespräch mit Annabel endete mit einer zwingenden Logik: „Denkt Ihr denn, ich würde wirklich ganz alleine zu Hause übernachten wenn Ihr weg seid? Da habe ich schließlich Angst!“

Party - Sturm - Motherbook

Artikel von

2 Töchter, verheiratet, Inhaberin einer Agentur für Kunstvermittlung und Kulturveranstaltungen.

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