Das Glück, der Konsum und die Umdenker

 

Neulich habe ich einen Vortrag eines Neurobiologen zum Thema „Glück und Konsum“ auf dem Blog denkbonus entdeckt, der mich – ich muss es zugeben – ziemlich beeindruckt und ein wenig rot anlaufen lassen hat. Denn auch ich shoppe liebend gern (meist online, da Kleinkind Zuhause) um mich kurzzeitig glücklich zu machen. Hier ein Schnäppchen auf EBay, da eine Rarität bei Kleinanzeigen und wenn es mal schnell gehen muss dann auch ein Low-Involvement Konsumgut bei Amazon.

 

Und genau über solche Konsumenten, wie mich, sprach besagter Hirnforscher in seinem Vortrag bei der Stiftung Denkwerk Zukunft. Ich wurde neugierig….habe ihn dann in einer ruhigen Minute angesehen und sage Euch:

a)    die 20 Minuten lohnen sich sehr!

b)   ohje!

 

In seinem Vortrag stellt sich Hirnforschers Gerald Hüther die zentrale Frage:

Was muss passieren dass wir immaterielle Wohlstandsquellen mehr nutzen, als materiellen Konsum?

 

Herr Hüther natürlich, hat eine Antwort darauf, denn er beschäftigt sich schon eine ganze Weile damit, ob eine Abkehr vom materiellen Konsumdenken möglich ist und welche (neurologischen) Prozesse dazu in Gang gesetzt werden müssen. Was genau das bedeutet, habe ich aus dem Vortrag versucht zusammenzufassen. Ich hoffe es ist mir einigermaßen gelungen.

 

Wir wissen: Der Versuch unsere Lebenswelt nach eigenen Vorstellungen zu verbessern, hat uns eine Vielzahl an Problemen, lokal wie global,  eingebracht, die wir mit unserer bisherigen Denkmuster nicht mehr lösen können.

 

Die Muster sind z.B.

  • Das Herauslösen aus Verbindlichkeiten
  • Kompromisslose Verfolgung der individuellen Ziele
  • Jeder sei seines eigenen Glückes Schmied

Dies sind alles feste Bestandteile vieler Menschen im westlichen Kulturkreis geworden.

 

Nun die Fragen:

  1. Wie kommen wir aus diesen Denkmustern heraus?
  2. Diese Frage würde auch heißen wie können wir anders fühlen?

 

Klingt logisch…Warum ist das denn nun so schwer?

 

Selbstverständlich müssen wir um die Antwort zu verstehen, im Bauch der Mutter und Babyalter anfangen.

 

Alle Kinder kommen mit einer neurologischen Offenheit und (neurologischen) Überschüssen zur Welt. Nun machen sie zwei Erfahrungen. Sie wachsen und sie sind verbunden.

 

Aus Wachstum wird Neugier und die Hoffnung etwas in der großen Welt zu entdecken und zu gestalten. Das Kind will autonom und frei werden.

 

Aus dem Wunsch nach Verbundenheit, sprich Nähe und Geborgenheit, entsteht der Wunsch nach Erfahrungen und Akzeptanz.

 

Im Bauch ging es darum verbunden zu sein und zu wachsen – danach nicht mehr. Entweder man wird in seinem Drang zu wachsen gehemmt oder mit Verbundenheit eingeengt. Dies führt zur biologischen Reaktion des Schmerzes und Leids und die Kinder wissen meist nicht, wie sie damit umgehen können, da es ihnen niemand zeigt (denn die Eltern meist auch nicht wissen, wie sie damit umgehen können).

 

Um dieses Leiden zu kompensieren, nimmt man – und so auch die kleinen Kinder – das, was man haben kann. An diesem Punkt kommt das Belohnungszentrum ins Spiel.

 

Es werden neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet, die wie Dünger fürs Gehirn wirken und Nervenzellen dazu bringen Gen-Induktionen zu bewirken.  Einfach gesagt, es werden bestimmte Bereiche im Gehirn durch den (Ersatz)-Belohnungsprozess stärker ausgeprägt als solche ohne den Belohnungsprozess.

 

Den Prozess des Umdenkens, sprich den Aufbau anderer Muster und Vernetzungen, kann man nicht ohne Emotionen erreichen. Die Stimulation muss also auch immer auf emotionaler Ebene sein, sonst funktioniert das Umdenken nicht.

 

Wir müssen uns also, um neu- und umlernen zu können, uns für etwas Neues und Anderes richtig begeistern. Da wir aber so viele negative Erfahrungen gemacht haben (zu wachsen und frei zu sein und gleichzeitig dazuzugehören), finden wir diese Begeisterung in der Ersatzbefriedigung Konsum. Dafür gibt eine ganze Industrie, die nur auf unsere unbefriedigende Bedürfnisse wartet, um sie mit ihren Konsumgütern zu befriedigen

 

Deswegen brauchen wir…und das hat er ganz toll gesagt….“Kindheiten in denen Kinder unglücklich gemacht werden. Wir brauchen Kindheiten in denen die beiden Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, weil wir sonst keine Konsumenten hätten, die den ganzen Schrott kaufen, den sonst keiner kauft.“

 

Mal abgesehen davon, dass ich jetzt meinen Eltern unter die Nase reiben kann, dass sie für meine Lust an Onlineshopping schuld sind, habe ich aus diesem Vortrag gelernt, dass ich mein Kind lieben kann, aber nicht mit meiner Liebe erdrücken sollte und dass ich ihrer Neugier nicht im Weg stehen darf, egal ob es eine Leidenschaft für Techno oder Dudelsack ist.  Vielleicht wird dann aus meinem kleinen Wirbelwind ein großer Umdenker. Vielen Dank dafür, Herr Hüter.

 

Hier das Video dazu:

Artikel von

Jungmutter einer kleinen Tochter, Mompreneuer, Master in interkultureller Kommunikation, ausgebildete Mediatorin

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