Annabels Rückkehr und das Problem der Wiederfindung

Annabels Rückkehr - Motherbook

Unsere Tochter Annabel war mit einem Austauschprojekt ihrer Schule 14 Tage in Peking, Hangzhou und Shanghai. Eine sehr reizvolle Mischung aus dichtem Bildungsprogram und Unterbringung in Familien mit dem zwangsläufigen Anschluss an dortige Systeme: Schule, Sozialkontakte, Privilegien, Feste, uralte Geschichte, neue Freunde, neues Lebensgefühl, neue Gefühle..

Mit ihrer Rückkehr ergoss sich Blei über uns, über die Tochter und unsere Erwartungsfreude. „Ich habe mich eigentlich nicht auf Euch gefreut!“ und „ Wie soll ich nur in einer Stadt wie München weiterleben?“ waren die einzigen direkten Ansprachen, die ich für die nächsten Tage mit mir herumtrug. Der Rest war Schweigen. Das Glück der vergangenen Tage, elektronisch auf vielfältige Weise auch uns übermittelt, wich einer Depression auf beiden Seiten.

Ein weiteres Indiz für ihre Rückkehr und meine stille Entrüstung war der zum Teil entleerte Koffer vor und in ihrem Bett: Wäsche, benutzte und unbenutzte. Grellfarbige Papierchen. Kosmetikartikel aus zumeist westlichen Industriestaaten, aber auch aus China. Souvenirs, die nie einen neuen Besitzer finden würden, aber auch solche, die einen geheim gehaltenen Adressaten vermuten ließen. Fächer in allen Farben und Formen. Süßigkeiten mit westlichen Marken, aber fernöstlichen Ingredienzien und Farbstoffen. Waren europäischer Luxusmarken, die mich eine Weile ehrfürchtig staunen ließen. Eine Bürste voller Haare, die ich gerne im Ganzen weggeworfen hätte. Tabletten gegen Übelkeit und Erbrechen und Beutelchen mit isotonischem Pulver. Ein unbeschriebener Block für die Eindrücke vor Ort und ein ungeöffnetes Kuvert mit Fotos unserer Familie für eventuelles Interesse der Familie in China. Ich hatte da mehrere Generationen dokumentiert, denn sowas würde doch interessieren…

Nach vier Tagen Schweigen und anfallsartigem Schlafen der Tochter mündete unser wechselseitiges Defizit in einen lautstarken Streit, der sich urplötzlich über eine banale Frage nach ihren Eindrücken und der Niederschrift des anempfohlenen „chinesischen Tagebuchs“ entlud. Es begann die Phase der Entrüstung, die durch ihre Freisetzung von Energie auch als Phase des „Auftauens“ bezeichnet werden kann.

Heute, eine Woche nach ihrer Rückkehr, bekam ich eine Präsentation von rund 2000 Fotos an meinem PC mit der entsprechenden Belastung meiner Festplatte – und meiner Geduld – in schwindelerregender Geschwindigkeit. Ein Rausch von Farben,  geworfenen Frisuren und originellen Kopfbedeckungen und dem stets ins Bild gehaltenen „Peace“ .

Seit heute herrscht irgendwie wieder Friede in unserem bürgerlichen Zusammenleben. Ich denke darüber nach, dass „Peace“ auch das Überschreiten der Schwelle in der Fülle neuer Eindrücke bedeutet.

 

 

Artikel von

2 Töchter, verheiratet, Inhaberin einer Agentur für Kunstvermittlung und Kulturveranstaltungen.

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